In der Dämmerung

"Abend im Abendland" war 2004 der Titel einer Serie von Zeichnungen für den Cartoon im wöchentlichen Zeitmagazin Leben. Der damalige Bildredakteur lud mich ein, ihm meine neuen Arbeiten zu präsentieren. Inhaltlich dachte ich an mein gesammeltes Material aus Illustrierten, Zeitungen und anderen Printmedien, Samples der Alltagskultur, dokumentarisch skurril, mit Verweisen auf Kunst, Politik, Comic und Katastrophen. Eine künstlerische Reflektion auf den angebrochenen Zenit unseres Abendlandes als fortlaufender Kommentar.

In den Redaktionsräumen angekommen, musste ich mir anhören, die Serie sei nicht lustig genug. Die Zeit würde im Moment nach dem gespielten Witz suchen. Man dürfe den Leser nicht überfordern und meine Arbeit wäre zu literarisch. Nun muss man im Hinterkopf haben, dass zu Beginn des neuen Jahrtausends die Medienkrise dazu führte, dass Redaktionen versuchten, ihren journalistischen Anspruch in eine Art Spektakel zu verwandeln. Ziel war es, neue Käufer zu binden und genügend Geld einzunehmen, um den finanziellen Verlust auszugleichen, den die fehlenden Werbeeinnahmen hinterließen. Eine nachvollziehbare aber für mich durchaus komische Idee. Eisiger Wind durchwehte den damaligen Blätterwald. Hilflose Versuche der Konzerne, selbst im Untergang noch zu lachen. Doch langsam fielen die Blätter, was sie bis heute tun. Kundenorientierung heißt so etwas, selbst wenn es nicht funktioniert.

Wir kamen nicht ins Geschäft. In der Folge entwickelte sich die Serie "Abend im Abendland" in den unterschiedlichsten Skalierungen. Bilder und Orte wuchsen: geklebt, getackert und gebunden an Wänden und um Ecken, über Gegenstände an Böden und Decken.Durch den White Cube, Tunnel und Bunker, ins Bildungsministerium und zum Comicsalon, ab in die Hecke.
Viele der bisher 224 Episoden dieses Buches wurden dabei zu einem Menetekel der Mobilität. Zwangen ihre Betrachter zu einem Überlaufen der Kunst, bremsten sie aus und hinderten sie an einem zu schnellen Durchlaufen von Gängen und Gemäuern. Demgegenüber besitzt das Buch seine eigene Logik und räumliche Ordnung. Die einzelnen Folgen sind thematisch in Kapitel sortiert und folgen nicht der ursprünglichen Chronologie ihrer Entstehung. Ds Glossar enthält erklärende und verklärende, assoziative und normative Kurzkommentare zu jeder einzelnen Folge.

Oliver Grajewski, Berlin, den 02.10.14